BAIKAL
ICE MARATHON Clean Water Preservation Run

Ice and More

März 2008 - 4. Baikalsee-Eismarathon - ein sibirisches Wintermärchen

Ice and More

von Stefan Schlett

Baikal - dieses Wort ruft Assoziationen irgendwo zwischen Nirwana und Eishölle hervor. Die Weite Sibiriens und die jahrzehntelange Isolierung während der Sowjetzeit haben einen geheimnisvollen Schleier über diese Landschaft gelegt. Horrorgeschichten von Arbeitslagern, endlose Winter, transsibirische Eisenbahn - genügend Stoff für Legenden, Träume und Alpträume. Erst die eindrucksvollen Dokumentarfilme des ARD-Korrespondenten Klaus Bednarz und die vierteilige ZDF-Erlebnis-Dokumentation "Sternflüstern" über das dreimonatige Baikalabenteuer zweier deutscher Familien in einem Dorf auf der Insel Ol'chon haben diese Gegend wieder einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Und in der Tat, die mit Abstand meisten ausländischen Besucher des Baikal kommen heute aus den deutschsprachigen Ländern.
        
 

Autor Stefan Schlett am Baikalsee, dem heiligen Meer Sibiriens, mit 25 Millionen Jahren der älteste See der Erde

So kam es auch, daß Andreas Kiefer, Chef des deutschen Sibirien Reiseveranstalters "Baikal-Express" und leidenschaftlicher Langstreckenläufer den Anstoß zu einem Marathonlauf über den zugefrorenen Baikalsee gab. Denn von Dezember bis Mai bedeckt eine durchschnittlich ein Meter dicke Eisschicht den See. Dann kann er sogar mit LKW's befahren werden, es gibt Straßen über das Eis, die verschiedene Orte am Ufer miteinander verbinden. Zwar ist der Winter mit extrem tiefen Temperaturen und eiskalten Winden die über den See fegen nicht gerade läuferfreundlich, aber ab März werden die Temperaturen erträglicher, der Himmel ist klar und es fällt kaum noch Schnee. Außerdem fanden in der Vergangenheit schon Ultraläufe über 90 km auf dem Eis statt. Zur Premiere vor drei Jahren hatte es 15 Starter, Andreas Kiefer und der Journalist Udo Möller waren neben einem Polen die einzigen ausländischen Teilnehmer. Die Strecke mußte aber kurz zuvor wetterbedingt komplett verändert werden. Erst bei der 2. Austragung gelang erstmals eine komplette Seeüberquerung von Tanhoi am Ost-, bis Listvjanka am Westufer des Baikalsees. In diesem Jahr hatte es bereits 46 Teilnehmer aus 8 Ländern. Dazu gesellten sich noch 5 Männer und eine Frau für den Rahmenwettbewerb Halbmarathon.
 

Marathonlauf über den zugefrorenen Baikalsee

Der Baikal ist ein See der Superlative, aber niemand nennt ihn einen See. Es ist das heilige Meer Sibiriens. Er ist 25 Millionen Jahre alt und damit der älteste See der Erde. Mit 1642 Metern Tiefe liegt er gefolgt vom afrikanischen Tanganjikasee (1435 Meter) auf Platz 1 in der Liste der tiefsten Binnengewässer. Aufgrund der Tiefe kommt er auf die unvorstellbare Wassermasse von 23.600 Kubikkilometer, womit der Baikalsee über 20% der Süßwasserreserven der Erde beherbergt. Könnte man ihn ausschütten, wäre der gesamte Erdball 20 cm hoch mit Wasser bedeckt. Ein Jahr lang müßten sämtliche Ströme der Welt fließen, um ihn wieder zu füllen. 50 Jahre lang könnte der See die Weltbevölkerung mit Trinkwasser versorgen. Der Baikal hat über 300 Zuflüsse, aber mit der 1779 km langen Angara, die in den Jenissei mündet, nur einen Abfluss. Die Länge des Baikal beträgt 636 Kilometer, die Breite schwankt zwischen 26 und 79 Kilometern. Mit einer Fläche von 31.500 Quadratkilometern, was in etwa der Größe Belgiens entspricht, belegt er Platz 7 in der Liste der weltgrößten Binnengewässer. Hier leben die einzigen Süßwasserroben der Erde, aber die Liste endemischer Tier- und Pflanzenarten am Baikal weist noch viele andere Unikate auf und ist wohl weltweit nur mit den Galapagosinseln vergleichbar. So war es eine logische Konsequenz, daß der Baikal im Dezember 1996 zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurde.

Von Dezember bis Mai bedeckt eine durchschnittlich ein Meter dicke Eisschicht den 1642 Meter tiefen See

Die 7000 Kilometer lange und durch 7 Zeitzonen führende Reise von Frankfurt via Moskau nach Irkutsk nimmt 8-9 Flugstunden in Anspruch. Aber es geht auch gemächlicher. Die Transsibirische Eisenbahn bringt dem Fernreisenden die unendlichen Weiten des größten Landes der Erde in homöopathischen Dosen näher. "Die Transsibirische Eisenbahn ist DIE Bahnreise auf der ganzen Welt. Alles andere sind Peanuts" (Eric Newby). "Die Eisenbahn. Das ist noch so eins der letzten Abenteuer. Einmal im Leben muß man da drauf. Auf die Transsibirische Eisenbahn" (Hardy Krüger). Zwei Statements von berühmten Persönlichkeiten unserer Zeit treffen den Nagel auf den Kopf. Wirtschaftliche und militärische Erwägungen waren es, die im Jahr 1891 Zar Alexander III. veranlassten, Moskau per Eisenbahn mit dem Japanischen Meer zu verbinden. Eine Fleißaufgabe, die viel Schweiß und Blut kostete. Zeitweise waren über 100.000 Strafhäftlinge, Bauern und Soldaten gleichzeitig mit dem Bau befasst. 1905 fertiggestellt, gilt die Transsib als die längste Eisenbahnstrecke der Welt. Nirgendwo sonst kann man heute bis zu sechs Tage und Nächte am Stück in ein und demselben Zug fahren. Von Moskau nach Wladiwostok sind es 9297 Kilometer - fast ein Viertel des Erdumfangs! Die Transsib ist für den Eisenbahnfan das, was der New York City Marathon für den Läufer ist. Beides kommt einer Pilgerfahrt gleich. Unsere "Pilgergruppe" umfaßt 11 Personen mit einem Erfahrungsschatz von 5 bis 628 Marathons. Die Universitätsstadt Irkutsk markiert den Kilometerpunkt 5185 der Transsib. Nach 3 Tagen, 4 Nächten und 5 Zeitzonen durch unfaßbar riesige, schneebedeckte Taiga- und Tundra-Landschaften erreichen wir die 693.000 Einwohner zählende Metropole, welche auch als das "Paris Sibiriens" bezeichnet wird.

 
Stefan Schlett nutzt jede Gelegenheit zum                                    Vor der winzigen Siedlung Tanhoi werden die Teilnehmer
 Eisbaden im See                                                                                             an beiden Rennen gemeinsam gestartet
 

Hier stoßen wir auf den Rest der Truppe, die am gleichen Tag per Flieger ankommt und werden in das 70 km entfernte Hotel direkt am See transportiert. Dieses liegt in der 1500-Seelen-Gemeinde Listvjanka, am Westufer des Baikal. Hier ist zugleich das Ziel des Rennens und da der See an dieser Stelle nur 40 km breit ist, drängt sich die Marathondistanz nahezu auf. Es bleiben 1 1/2 Tage für Akklimatisierung, Testlauf auf dem Eis und Besichtigung der Gegend. Stefan Schlett nutzt die Gelegenheit zum Eisbaden im See, einer Leidenschaft, der er bereits seit über zwei Jahrzehnten frönt und die zum unverzichtbaren Ritual in jedem Winter gehört. Vier weitere Läufer lassen sich zu ihrem ersten Eisbad animieren. Das Happening findet an einem 2 x 1 m großen Loch statt, daß per Motorsäge ausgehoben wurde. Immerhin ist es im Baikalsee, der Trinkwasserqualität hat, mit + 1° Celsius wärmer als an der Luft (-11°C)...

Am Tag des Rennens hat es verhältnismäßig milde -12° Celsius und es ist windstill, was relativ selten vorkommt. So gut waren die Bedingungen noch nie! Gore Tex und Windstopper sind bei der Ausrüstung trotzdem die 1. Wahl, denn ein plötzlicher Wetterumschwung und aufkommender Wind - des Eisläufers größter Feind - muss immer in Betracht gezogen werden. Eine Sonnenbrille ist aufgrund der starken Reflektion ebenfalls notwendig.

Dick vermummt wird mit Minibussen, Motorschlitten und einem Hoovercraft Luftkissenboot, die später gleichzeitig als Versorgungsfahrzeuge dienen, die schwierige, drei Stunden dauernde Fahrt über den See angetreten. Aber zuvor müssen die Läufer noch eine sibirische Zeremonie über sich ergehen lassen und dem Wassergott des Baikalsees mit einem Wodka huldigen. War der Körper durch die Kälte äußerlich schon schockgefrostet, wurden jetzt auch die Innereien durch die Mangel gedreht...

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